Ist es wirklich ungesund dick zu sein?

 

Viele meiner Kundinnen und Kunden (ja auch da gibt es paar wenige Männer) befinden sich zwischen dem Wunsch unbedingt abnehmen zu wollen und sich endlich annehmen zu können wie sie sind -auch dann, wenn das Gewicht immer wieder schwankt.
Alle sind sich jedoch einig, sich nicht mehr verbiegen zu wollen wie eine Brezel um ein paar Pfunde los zu werden. Sie wollen keine Diäten mehr machen. 

 

Die meisten meiner Klienten wissen theoretisch, wie sie abnehmen könnten, berichten aber von Verhaltensweisen, Gedanken und Mustern, die sie immer wieder zu alten Essgewohnheiten zurück führen.

 

Wenn man dann genauer hinsieht, kann man zwei Gruppen unterscheiden. 

 

Eine Gruppe von Menschen die wirklich etwas verändern sollten, weil sie gesundheitliche Probleme haben durch das stetig steigende Gewicht, die ungesunde Lebensweise oder durch das ständige Diäthalten, dass letztendlich dazu geführt hat, dass sie immer dicker und ungesünder wurden. Und eine zweite Gruppe von Menschen, die meint sie müssten abnehmen, damit die Außenwelt sie endlich so sieht wie sie sind: Diszipliniert, fleißig, engagiert, schlau, schön und wertvoll.

 

Wir befinden uns in einem ständigen Kampf zwischen„was denken die anderen“ und einem „was will ich wirklich“? Und sind zerrissen zwischen den unterschiedlichen Stimmen in unserem Kopf. 

 

Auch ich selbst habe mich sehr lange zwischen dem Wunsch schlank zu sein, Kontrolle über mein Gewicht zu haben und dem Wunsch so geliebt zu werden wie ich bin – unabhängig vom Gewicht, befunden. 

 

Unsere Gesellschaft und auch unsere Medizin hält hartnäckig an dem Glauben fest, dass schlank zu sein gesund und dick zu sein ungesund bedeutet. Dass dicke Menschen sich zu wenig bewegen, Diabetes bekommen und allerlei andere Probleme haben, schlanke Menschen hingegen agil und auf der sicheren Seite sind. 

 

Sehen wir uns die Statistiken an, ist das definitiv nicht wahr. Gesundheit drückt sich nicht in Körpergewicht aus, sondern ist ein sehr viel komplexeres und unerforschteres Thema als wir es wahrhaben wollen. 

 

Viele Menschen denken, wenn sie ihr Essen und ihren Sport unter Kontrolle haben, haben sie ihr Leben und ihre Gesundheit unter Kontrolle – weit gefehlt, wer kennt nicht die schlanke Yoga-Prinzessin die vegetarisch lebt und schwer erkrankt? Den Nichtraucher der Lungenkrebs bekommt oder den schlanken Freund der plötzlich einen Diabetes hat. Krankheit hat nichts mit Schuld oder Schwäche zu tun, sondern ist sehr vielschichtig. Was gesund ist und was ungesund, bestimmen nicht die Ärzte, sondern wir Menschen selbst. Wer täglich Joggen geht und es hasst, tut sich keinen Gefallen, sondern übt sich in Selbstverletzung. Alles sollte in Balance sein – auch das Essen und der Sport. 

 

Moderne Werbung wie „das Neue schlank ist gesund“ oder „das Neue skinny ist strong“ haben zwar einen etwas veränderten Ansatz aber alle vergessen eine ganz wesentliche Sache, nämlich, dass es schon immer und in allen Völkern Menschen mit unterschiedlichen Körperformen und Größen gegeben hat. Dass Menschen einfach dick sein können und trotzdem sportlich, agil und top fit. Dass wir nicht von Außen sehen wie sich jemand ernährt oder wie gesund er ist.

 

Dass Menschen die sich sehr diszipliniert ernähren, sehr sportlich sind auch gleichzeitig eine Essstörung haben können. Menschen die uns ganz besonders erfolgreich und stark vorkommen, können Angst davor haben ein Stück vom Kuchen zu essen. Sind diese dann gesund, nur weil sie schlank sind?

Ist es gesünder, wenn mir Lebensmittel wie Zucker und Gluten Angst machen als ein paar Kilo mehr auf die Waage zu bringen? Und wer will das eigentlich bewerten können?

Menschen sind verschieden und wir sollten aufhören zu denken, dass Körperformen, Größen und äußerliche Merkmale uns das Recht geben, zu werten oder urteilen zu wollen ob jemand gesund oder ungesund ist. Und wir sollten aufhören so zu tun, als hätten wir immer alles unter Kontrolle.

 

Kontrolle und Sicherheit sind eine Illusion, die wir niemals beherrschen können. Kontrollverlust bedeutet nicht, dass wir Verlierer sind. Das Leben besteht aus Hochs und Tiefs. Wenn die Lebenslinie nur noch waagerecht verläuft sind wir tot. Wer das Scheitern nicht mit einplant, wird immer enttäuscht werden. Scheitern bedeutet zu lernen. 

Haben wir im Politischen doch meist schon die Überzeugung, dass alle Menschen, egal welcher Herkunft, gleich viel wert sind, so hält sich beim Gewicht hartnäckig die Meinung, dass Dicksein ein Ausdruck von Disziplinlosigkeit ist.

Vergessen wird dabei, dass nicht unser Wille den Körper formt, sondern unsere Gene und diese lassen sich dauerhaft nun mal nicht austricksen, es sein denn wir halten eine Essstörung für eine clevere Strategie: „Lieber tot als fett“. 

Selbst wenn wir modernen Menschen dies alles schon wissen und meinen bei uns ist das anders, wir wollen nicht dünn sein, weil das in unseren Augen besser aussieht, sondern wir wollen uns einfach wieder wohl fühlen in einem schlanken Körper, lügen wir uns doch oft selbst eins in die Tasche. 

Wenn wir in uns hineinhorchen werden wir feststellen das das Wort „fett“ eine große Macht hat. Es ist ein Wort, dass wir niemals mit uns in einem Satz genannt hören wollen – auch, wenn kein Mensch ohne Körperfett überleben könnte. 

Fett ist gleich faul, undiszipliniert, dreckig, charakterlos, dumm, schlampig und noch eine Menge mehr. 

Aber was ist Fett noch?

Fett ist gespeicherte Energie, Energie die uns hilft zu überleben in Notzeiten. Vielleicht ist eine Gewichtszunahme ein Zeichen dafür, dass wir uns endlich von den Diäten abgewandt haben oder nun nachholen was wir uns lange verwehrt haben – ausreichend zu essen. 
Vielleicht ist eine Gewichtszunahme eine Art Anker in emotional schweren Zeiten und wir haben das Essen genutzt haben um uns zu beruhigen und eine schwierige Lebensphase zu überstehen.
Körperfett ist oft die schlaue Strategie unseres Gehirns, ein Notfallprogramm gegen das Verhungern (das wir während der ständigen Diäten fühlen), gegen die eigene Vernachlässigung des Körpers.
Fett ist der Geschmacksträger des Essens, lebensnotwendiger Nährstoff. Es ist die Weichheit, die das Kind so liebt. Vielleicht die Nachgiebigkeit die wir in harten Zeiten brauchen. Es kann so viele Liebe im Fett stecken.

Erst wenn wir annehmen, dass Fett, Gewichtszunahme oder viel zu essen einen Sinn hat oder hatte und uns manchmal sogar gerettet hat, wenn wir lernen unser Fett zu lieben, können wir lernen es loszulassen. Nicht weil wir es „weg“ haben wollen, sondern weil wir es nicht mehr brauchen. 

Weil sich unser Körper, unser Geist, unsere Psyche entspannen kann. Weil der Krieg ums Essen und um die Figur beendet werden kann. Weil unser Wert nicht mehr von der Zahl auf der Waage abhängt. Wenn all diese Last wegfällt, ist es oft gar nicht mehr notwendig mehr zu essen als der Körper braucht. 

Wenn morgen nicht die nächste Diät beginnt, brauche ich den Rest der Pizza nicht mehr zu essen, obwohl ich satt bin, denn ich kann sie morgen wieder essen, wenn ich sie brauche. Viele Menschen führt das in ein entspannteres Verhältnis zu sich selbst, zum eigenen Körper und auch zu allem anderen.

Wenn wir uns mit uns selbst anfreunden, wieder mehr auf unseren Bauch hören und uns selbst mit unseren Bedürfnissen wahrnehmen, brauchen wir oft sehr viel weniger Trost- und Frust-Essen.

Wer sich beim Sport nicht mehr quälen muss, um Kalorien zu verbrennen oder Muskeln zu stählen, sondern Sport macht der Spaß macht, kann aufhören nach  Ausreden zu suchen um nicht hinzugehen. Wir dürfen auch faul sein und das Ausruhen genießen.

Ich denke ob dick oder dünn, Pizza oder Salat, es gibt kein „Richtig“ und kein „Falsch“, es gibt nur ein „wie ist es für Dich“ und darauf kommt es an. Darauf dass Du Dich wohl fühlst. Deine Entspannung, Dein Körpergefühl zurück bekommst und nicht mehr denken musst, dass Du jetzt satt sein müsstest, sondern wieder fühlen kannst was Du brauchst und wann Du satt und zufrieden bist.