Gewicht und Trauma oder Trauma-Gewicht?

„Was soll das denn?“

Viele Betroffene, die schon immer mit den Themen Gewicht, Ernährung, Figur zu tun haben wissen nicht, dass sie ihre Probleme aufgrund von traumatischen Erlebnissen haben. 

„Hm, hab ich nicht“, sagen dann viele Frauen darauf hin. „Bei mir ist immer alles ok gewesen: gute Kindheit, keine Übergriffe, alles gut“. 

Davon will ich auch niemanden abbringen, wir müssen nicht alle eine schlimme Kindheit gehabt haben um dick zu sein oder uns zu fühlen,

ABER…

Wir leben heute in einer Welt, in der wir nicht mit einem wirklichkeitsnahes Menschenbild oder realistischen Vorstellungen von Körpern konfrontiert werden, sondern in der uns vorgegaukelt wird, durch die Medien, die Werbung, Ratgeber etc., dass alle Menschen, wenn sie sich nur genug bemühen, aussehen können wir Athleten:
Schlank, stromlinienförmig, schnittig und muskulös. 

Was wir vergessen ist, dass das einfach nicht der Wahrheit entspricht.

So wie Menschen unterschiedlich große, dicke, lange, gerade oder mit Höcker geformte Nasen haben, so vielfältig sind auch die Figuren der Menschen. 

Es gibt die Kleinen, die Großen, die Hageren, die Molligen, die Schmächtigen, Athleten und Mischformen. 

Wir haben unterschiedliche Augenfarben, Haarfarben, Geschmäcker, Vorlieben aber sollen alle das gleiche Verhältnis von Körpergröße und Gewicht aufweisen.

Nur wer dem standardisierten BMI, (dem Body Mass-Index = Körpergewicht in KG geteilt durch Körpergröße in Meter hoch 2 ) entspricht, soll gesund sein?

Diese Annahme ist extrem unwissenschaftlich und geradezu absurd. Der BMI hängt mehr von der Beinlänge ab, als davon wie gesund oder ungesund wir sind. 

Jeder der durch die Welt läuft, sieht, dass Personen sehr divers gebaut sind. In allen Erfahrungsheilkunden wie der Traditionellen Chinesischen Medizin, der indischen Ayurveda Lehre oder bei den alten Römern, selbst bei der Mayr-Medizin, der Vier-Typen-Lehre der Humoralmedizin der Antike oder der Konstitutionslehre gilt, dass alle einen unterschiedlichen Körperbau aufweisen. 

So wie es verschiedenartige Hunderassen gibt, existieren unterschiedliche Typen von Menschen und so wie nicht jeder sich einen Dackel kauft, müssen wir nicht alle dem Standard der weißen, heterosexuellen, dünnen Frau von „Typ Barbie“ entsprechen, um schön zu sein.

Und auch, wenn wir es noch so sehr wollten, wird aus dem Retriever kein Dackel werden Punkt.

Wir sind die erblichen Produkte unserer leiblichen Eltern und können dies willentlich nicht verändern. 

Nun zurück auf das Ursprungsthema was soll das alles mit Trauma zu tun haben? 

Ganz einfach, wenn wir dem kleinen, moppeligen Mädchen ein Leben lang erzählen, dass es um gut auszusehen, wie Barbie sein muss, dann ist das traumatisierend und nicht wahr. 

Dass wir dicke Frauen oft als weniger hübsch empfinden, liegt nicht daran, dass dies der Wahrheit entspricht, sondern, dass wir durch die Medien ein entsprechendes Schönheitsideal erlernen.

Warum haben sich die Werbetreibenden genau dieses Ideal gewählt? Ganz einfach in allen Regionen wird präferiert, was schwer zu erreichen ist. Sprich in der westlichen Welt sollen wir dünn sein, in armen Ländern ist schön, wer fett ist.
Dies zeigt deutlich, dass es nicht einen Universal-Geschmack gibt, sondern dass das Schönheitsideal ein Konstrukt unserer Zeit ist. 

Was passiert mit Menschen, die dem Ideal oder zumindest dem Standard nicht entsprechen? Sie empfangen permanent die Information: „Mit dir stimmt etwas nicht. So wie du bist, bist du nicht ok. Du musst dich verändern, um gemocht und akzeptiert zu werden.“ 

Wir leben in einer Welt, in der es furchtbar schwer ist, fett zu sein, obwohl es immer fette Menschen gegeben hat. Ob in Urvölkern oder in jeder anderen Zeit.

Wir wissen schon längst, dass die Stigmatisierung von Gewicht, extrem schädigend ist. Sie geht einher mit einem schlechten Selbstwert, Depressionen, vermehrt Essstörungen und vielen anderen negativen Begleiterscheinungen. Anstatt aber gegen die Diskriminierung vorzugehen, wettern wir gegen fette Menschen  – das ist grausam, ungerecht und traumatisierend. 

Wie wirkt sich ein Trauma aus? 

Es sorgt dafür, dass wir uns ohnmächtig fühlen und uns schämen. Wir können uns nicht zur Wehr setzten und uns nicht verteidigen. Wir fühlen uns ungerecht behandelt und ungeliebt. Wir bemühen uns mit aller Kraft, die Kontrolle zurückzuerlangen über unser Leben. Häufig zeigt sich dies, in dem wir versuchen, unser Essen zu planen. Wir zählen Kalorien, Punkte, Fette, Kohlenhydrate, Stunden zwischen den Mahlzeiten. Wir wiegen alles ab und versuchen unseren Hunger durch den Verstand zu steuern. 

Und was passiert, wenn wir Diät leben? Das Pendel, das in die eine Richtung schwingt, schlägt in gleichem Maße auf der Gegenseite aus. Das bedeutet, je länger ich mir etwas vorenthalte, umso häufiger werde ich Fressanfälle haben.

Wenn wir nach einer Hungersnot (auch, wenn sie selbst herbeigeführt wurde durch eine Diät) wieder Essen zur Verfügung haben, werden wir alles worauf wir verzichtet haben nachholen. 

Je mehr wir unser Herz daran hängen, ob wir abnehmen oder nicht, umso verschärfter wird die Situation. Wenn unser Seelenheil und unser Selbstwert davon abhängen, wie wir aussehen, sind wir ewig auf den Applaus der anderen angewiesen. Unser Lebensglück hängt am Wohlwollen der anderen. 

Wir geben uns damit selbst die Information, die wir als Kinder von den Eltern oder der Gesellschaft gelernt haben: „Wenn Du nicht schlank bist…“

Hier kannst Du selbst überprüfen, was Du alles für Überzeugungen in Dir trägst: 

…dann bekommst Du keinen Partner

…wirst Du nicht geliebt

…bist Du nicht schön 

…wirst Du niemals erfolgreich sein

…bist Du nicht genug.

All diese Gedanken sind traumatisierend und fühlen sich existenzbedrohend an.

Immer, wenn unsere Existenz sich bedroht fühlt, nimmt der Körper dies als Notlage wahr. Jede Notlage könnte eine Hungersnot mit sich bringen und der Körper fängt an, sein Schutzprogramm zu tätigen.

Er fängt an, mit den Reserven zu haushalten, drosselt den Stoffwechsel um länger mit den Vorräten auszukommen. Er senkt die Körpertemperatur und bewegt sich weniger gerne. Er hat mehr Hunger, lagert schneller ein und schützt das Überleben mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. 

Unser Körper ist ein Wunderwerk der Natur. Sobald wir ihn in Angst und Schrecken versetzen (das kann auch durch das „OMG ich bin zu fett und hab nichts anzuziehen sein“) schaltet er ins Notfallprogramm. 

Das Fazit: 

Je mehr wir uns selbst ablehnen und unseren Stress nicht beachten, umso stärker wir der Körper mit dem Notfallprogramm reagieren. 

Stressauslöser sind häufig:

Mit dem Älterwerden sammelt der Körper mehr Fett an.

Der Körper verändert sich durch das Kinderkriegen.

Wir nehmen aufgrund von dauerhaftem Stress zu.

Unsere Beziehungen fühlen sich nicht gut an.

Wir haben Stress mit den eigenen Eltern oder den Schwiegereltern.

Die Kinder sind anstrengend.

Oder unserer Existenz ist wirklich bedroht, wie durch Arbeitslosigkeit oder wodurch auch immer. 

Je größer der Druck auf den Einzelnen wird, umso stärker fühlen wir die Bedrohung.

Versicherungen, die wollen, dass wir unseren BMI angeben. Arbeitgeber, die auf uns einwirkt, dass wir abnehmen sollten, fett-phobische Familienmitglieder oder eine Gesellschaft, die uns weiß machen will, dass mit uns etwas nicht stimmt, vergrößern den Schmerz und diskriminieren statt zu helfen.

Es wird Zeit, dass wir unser Mindset verändern, unsere Glaubenssätze und Überzeugungen überprüfen. Dass wir liebevoller und toleranter mit uns und anderen umgehen. Nur wer sich angenommen fühlt, wer sich als Teil der Gesellschaft wahrnimmt, kann sich entspannen und mehr für die eigene Gesundheit tun. Es führt zu keiner gesunden Lösung sich selbst hässlich, blöd und als Versager zu fühlen und ins Fitness-Center zu prügeln. Wir müssen lernen, dass Pferd von der anderen Seite aufzuzäumen, damit unsere Bemühungen uns nicht schädigen, sondern weiter bringen. 

Gesundheit ist kein Zustand, den man erzwingen oder kontrollieren kann.