Hallo,

Du kennst das, es gibt so viele Theorien zum Thema Gewicht und alle haben eine unterschiedliche Meinung dazu, was wirklich wichtig ist und was der beste Weg ist damit umzugehen.

Diese ganzen Theorien, Ansichten und Diskussionen beschäftigen mich persönlich seit meinem neunten Lebensjahr und ich möchte Dir hier in einem längeren Blogartikel einige davon näherbringen.

Ich möchte Dich auffordern, einmal ein größeres Perspektivenfenster zuzulassen als üblich. Denn das Gewicht oder eine Gewichtsabnahme ist nicht nur etwas Physiologisches, sondern enthält viele unterschiedliche Aspekte unserer Psyche, unseres Herzens, unserer Seele und unserer Gesellschaft – und vielleicht sind ja ein paar neue Ansätze für Dich dabei.

Wenn wir etwas über Gewichtsabnahmen in Zeitschriften lesen oder im TV sehen, wenn wir uns Beiträge der angeblichen Experten zu Gemüte führen, geht es immer wieder um eine neue Diät, ein neues Medikament oder ein neues Superfood, das uns endlich den ersehnten ultimativen Erfolg bringen soll. Am Ende lässt es uns meist leer und uninspiriert zurück.

Für mich sieht es so aus, als bewegen wir uns seit Jahrzehnten in der gleichen Diskussion, die uns immer wieder dort hinführt, wo wir hergekommen sind – ins Gewichtsauf und -ab.

Dabei steigt die Zahl an übergewichtigen Menschen ständig und da ist es doch überraschend, dass die Theorien immer wieder die gleichen sind:

  • Iss weniger und mache mehr Sport.

  • Du brauchst mehr Willenskraft, ein Mittel gegen den Schweinehund, eine bessere Motivation – Tschakka!

  • Probiere die neusten Medikamente, um weiter zu essen und trotzdem Gewicht zu verlieren.

  • Dieses neue Diätbuch ist die Antwort auf all Deine Fragen.

  • Lass Dir den Magen verkleinern.

  • Zähle Deine Kalorien, Kohlenhydrate, Fette.

  • Irgendwann, schon ganz bald wird der genetische Code geknackt und alles ist veränderbar.

  • Wenn Du kein Gewicht verlierst, bist Du ein Versager.

  • Was ist Dein Problem?

Die Wissenschaft hat in Sachen Gewichtverlieren und halten leider versagt. Immer mehr Menschen sind überzeugt, wer Gewicht zunimmt und dick ist, hat schlechtere Chancen, sozial anerkannt zu werden, einen Partner zu finden oder erfolgreich im Leben zu sein.

Lasst uns ehrlich sein: Wenn es darum geht, Gewicht ab- und zuzunehmen, sind wir ratlos. Und in dieser Ratlosigkeit diäten wir was das Zeug hält, wir ernähren uns von diätetischen Lebensmitteln, leben vegan, vegetarisch, ohne Gluten, ohne Laktose und konsumieren immer mehr Lebensmittel mit Zusatzstoffen, synthetischen Fetten und Süßstoffen. Wir leben immer unnatürlicher und wünschen uns ein Wundermittel, ein Rezept, das uns endlich aufatmen lässt.

Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass wir endlich die Perspektive verändern sollten. Denn bevor wir das Problem des Gewichts lösen, müssen wir erst einmal tief einsteigen und es mit anderen Augen betrachten. Bevor es also darum geht, zu lernen was zu tun und zu lassen ist – und kein Beitrag wäre an dieser Stelle groß genug, um die Komplexität des Themas abzubilden – sind hier einige Gedanken, die vielleicht ein bisschen Licht ins Dunkel bringen.

  • Gewicht ist ein sehr komplexes, multidimensionales Phänomen. Meist gibt es keine einfachen Schwarz-Weiß-Lösungen, die hilfreich sind. Es ist an der Zeit, anzuerkennen, wie tief dieses Thema in seiner psychologischen und physiologischen Komplexität ist.

  • Übergewicht ist ein Symptom, und jedes Symptom, das wir kennen, bringt eine Botschaft mit sich, einen weisen Rat und Lernaufgaben, die uns helfen sollen, gesünder zu werden. Es ist an der Zeit, diese Symptome anzuerkennen und wertzuschätzen, anstatt sie zu bekämpfen, denn wir können viel daraus lernen, das unser Leben verbessert.

  • Übergewicht kann einen hohen Bezug haben zu Nährstoffen und Stoffwechsel-Funktionen.

  • Übergewicht kann durch eine Vielzahl von emotionalen Faktoren hervorgerufen werden.

  • Übergewicht ist ein Thema, das in der Genetik stark diskutiert wird.

  • Übergewicht kann eine große Verbindung haben zu unbewussten und verdrängten Themen wie: gesehen zu werden, unsere Sexualität zu leben, anderen vergeben, uns selbst vergeben und zu erlernen uns selbst gut und liebevoll zu nähren und anzunehmen, was ist.

  • Übergewicht kann ein Mix aus all diesen Faktoren sein.

  • Übergewicht kann etwas sein, das wir aus unserem Familiensystem übernommen haben. Eine Last, die wir nicht für uns, sondern für ein anderes Familienmitglied, wie die Eltern, tragen. So wie Kinder die Symptomträger ihrer Eltern sind.

  • Übergewicht ist nicht länger ein persönliches Problem, es ist ein gesellschaftliches. Von 1999 bis 2013 stieg der Anteil adipöser Männer um 40% und der adipöser Frauen um 24,2%. Wir sehen, wir müssen nicht nur am persönlichen Verhalten etwas verändern, sondern auch an unserer Kultur.

  • Obwohl die Männer im Durchschnitt sehr viel dicker sind als die Frauen, ist es trotzdem ein eher weibliches Thema, Diäten zu machen.

  • Frauen leiden anders an den Folgen des Übergewichts als Männer, sie erleben es intensiver und schmerzhafter – wir sollten uns fragen, warum das so ist, um zu verstehen, wie wir es verändern können.

  • Essstörungen nehmen explosionsartig zu, nicht nur bei Jugendlichen, sondern auch bei Frauen mittleren Alters. Essstörungen haben übrigens NICHTS mit bestimmten Lebensmitteln zu tun oder Essen per se, sondern mit Lebensthemen, die sich im Essverhalten ausdrücken.

  • Unsere Beziehung zu Körperfett, auch bei Menschen, die wenig davon haben, ist kriegerisch, unrealistisch, ungesund und grausam. Körperfett hat eine wichtige, großartige biologische Bedeutung und Funktion. Wenn wir es tatsächlich komplett aus dem Körper entfernen könnten, würden wir schneller sterben als wir bis drei zählen zu können.

  • Wir übertragen unsere Schattenseiten – unsere unbewussten negativen Urteile, unsere Vorurteile, unseren Hass, unsere Moral auf Menschen, die mehr Gewicht mit sich tragen. Als Gesellschaft hassen wir heimlich fette Menschen. Wie passiert so etwas?

  • Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wissen wir heute nicht einmal, was genau ein Mensch zu welcher Zeit seines Lebens wiegen sollte, um gesund zu leben. „Ich muss unbedingt 5 Kilo verlieren oder 10.“ Sagt wer?

  • Welche Wissenschaft kann uns genau sagen, welches Gewicht für wen in welcher Situation richtig wäre? Keine!

  • Wenn man alle Studien zum Gewicht zusammennimmt, kann niemand genau sagen, ob ein paar Pfunde mehr ein Symptom sind, eine Erkrankung, ein positiver oder negativer Faktor für die Gesundheit, eine genetische Fehlleistung oder eine psychologische – weil es alles und nichts davon sein kann.

  • Die Wissenschaft kann somit nicht gegen die simple Behauptung ankommen, dass unser Gewicht eine Angelegenheit unseres Körpers, unserer Seele, unseres Herzens, unsere Psychologie und unserer Kultur ist.

  • Deshalb bin ich der Meinung, dass eine ganzheitliche Betrachtung einer so komplexen Angelegenheit wie dem Gewicht unbedingt notwendig ist. Es ist an der Zeit, die nicht funktionierenden Ansätze hinter uns zu lassen und das kleine Fenster in unserem Kopf zu öffnen und mal herauszuschauen.

Und ich möchte noch mal daran erinnern, dass es für die Menschen, die übergewichtig sind (was auch immer das nun in Zahlen sein soll), viel schmerzhafter ist, mit den emotionalen und psychischen Belangen, die das Gewicht mit sich bringen, umzugehen als mit den körperlichen. Der Schmerz und das Leiden, das wir aufgrund des Körperfettes und dessen gesellschaftlicher Bedeutung mit uns herumtragen, ist riesig groß. Stellen Dir mal vor, es wäre gesellschaftlich kein Thema mehr und niemand würde sich mehr schämen und könnte dieses Thema abschließen, ich bin mir sicher, unsere Welt wäre friedlicher und menschlicher für alle von uns.

Wir wären frei, unsere Arbeit zu machen, unsere Bestimmung im Leben zu finden, unsere wahren Leidenschaften zu leben. Wir hätten keine „Dafür bin ich zu dick“-Ausreden mehr und hätten so viel mehr Energie und Kraft für die wichtigen Dinge im Leben. Wir wären kreativer, hätten weniger Angst, mehr und bessere Beziehungen zu anderen. Wir wären selbstbewusster und gebender, wir hätten mehr Sex, mehr Spaß und mehr Wohlbefinden in allen Bereichen unseres Lebens.

Aber Vorsicht: Das heißt nicht, erst nehme ich ab und dann fange ich an, mich zu lieben, sondern es heißt, sich jetzt auf die Reise zu begeben, zu lernen, wie es geht, sich selbst zu lieben und gut für sich zu sorgen, sich zu nähren.

Oder würdest Du Deinem Kind sagen: „Ich liebe Dich erst dann wieder, wenn Du 10 Kilo weniger wiegst?“ Klingt schrecklich, oder?

Aber genau das sagen viele Menschen vor einer Diät zu sich selbst.

Wir denken, wir sind aufgrund des Gewichts nicht gut genug, wertvoll, liebenswert usw.

Somit ist es Vitamin L für Liebe vielleicht das einzige, das uns fehlt?